Der kolumbianische Zuckerrohrsektor steht vor einem der anspruchsvollsten Jahre der vergangenen Dekade. Produzenten sehen sich gleichzeitig mit geostrategischen Verschiebungen, anhaltender Volatilität auf den internationalen Zuckermärkten, Währungsinstabilität sowie rückläufigem Pro Kopf Zuckerkonsum konfrontiert. Zusätzlich hat der kontinuierliche Preisverfall auf dem Weltzuckermarkt die Rentabilität der Betriebe weiter geschwächt.


Nach Angaben des kolumbianischen Branchenverbandes Procaña verschärfen sich die strukturellen Probleme durch steigende Produktionskosten und eine angespannte Sicherheitslage. Insbesondere die Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns um 23 Prozent hat die Lohnkosten im arbeitsintensiven Ernte und Transportbereich deutlich erhöht. Parallel dazu ging die geerntete Zuckerrohrfläche von 180.000 Hektar im Jahr 2024 auf 177.000 Hektar im Jahr 2025 zurück. Auch der durchschnittliche Zuckergehalt sank von 10,5 Prozent auf 10,0 Prozent und setzt damit einen rückläufigen Trend der vergangenen drei Jahre fort.
Ein Lichtblick für die Betriebe war hingegen die steigende Biomasseleistung je Hektar: Der durchschnittliche Rohrohrertrag erhöhte sich 2025 von 114 auf 124 Tonnen pro Hektar. Diese Produktivitätssteigerung konnte die wirtschaftlichen Einbußen jedoch nur teilweise kompensieren.
Besondere Herausforderungen ergaben sich aus den außergewöhnlichen Witterungsbedingungen: Die Niederschlagsmenge lag um 29 Prozent über dem Vorjahresniveau, was vor allem in einem stark mechanisierten Erntesystem erhebliche Auswirkungen hat. In Kolumbien werden inzwischen über 80 Prozent der Zuckerrohrerntemengen maschinell geerntet. Hohe Bodenfeuchte und anhaltende Niederschläge führen dabei zu steigenden Betriebs und War-tungskosten, erschweren die Erntelogistik und erhöhen die Risiken für Bodenverdichtungen, Maschinenverschleiß sowie Qualitätsverluste des Rohmaterials bis zur Verarbeitung.
Sorge bereitet dem Sektor zudem die zunehmende Einfuhr von Bioethanol zur Deckung des heimischen Energiebedarfs. Die steigenden Importe führen zu kritischen Lagerbeständen, setzen die heimischen Destillerien unter Druck und drohen, Produktionsstillstände auszulösen. Dieser Trend widerspricht nach Einschätzung von Procaña nicht nur der Strategie des nationalen Energiemixes, sondern gefährdet auch tausende Arbeitsplätze im ländlichen Raum, schwächt die Wettbewerbsfähigkeit der Zucker und Ethanolbranche und untergräbt die Dekarbonisierungsziele Kolumbiens.
Vor diesem Hintergrund gilt das Jahr 2026 als Schlüsseljahr für den kolumbianischen Zuckerrohrsektor. Politische Unsicherheiten durch die anstehenden Parlaments und Präsidentschaftswahlen verschärfen ein ohnehin komplexes Umfeld und bremsen Investitionen sowie die Planungssicherheit der Betriebe. Nach Einschätzung von Martha Betancourt, Geschäftsführerin des Branchenverbandes Procaña, steht der Sektor damit an einem Wendepunkt, an dem wirtschaftliche, klimatische und politische Faktoren zugleich über die Zukunft der kolumbianischen Zucker und Bioenergieproduktion entscheiden.